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Geburtsüberwachung – Grundlegendes Wissen ALT

Grundlegendes Wissen
Geburtsüberwachung

Warum sollte man sich mit Geburtsüberwachung befassen?

Geburtsanzeichen

Es existiert kein eindeutiges äußeres oder körperliches Anzeichen, das eine exakte Vorhersage des Geburtszeitpunktes erlaubt. Viele der beobachtbaren Veränderungen sind individuell unterschiedlich ausgeprägt und können zeitlich variieren.

Eine kontinuierliche Geburtsüberwachung wäre ideal, ist jedoch in der Praxis – insbesondere ohne technische Hilfsmittel – oft nicht realisierbar. Daher sollte die Überwachung in regelmäßigen Abständen erfolgen, empfohlen wird ein Kontrollintervall von ein bis zwei Stunden. Dabei sollten sowohl das Allgemeinverhalten des Tieres als auch spezifische geburtsvorbereitende Veränderungen systematisch beobachtet und dokumentiert werden.

Veränderungen an den äußeren Genitalorganen

Ödematisierung

Vor der Geburt kann es hormonell bedingt zu einer Ödematisierung (Größenzunahme) der äußeren Geschlechtsorgane kommen. Dabei wird Wasser in das Gewebe eingelagert, was zu einer sichtbaren Schwellung führt. Besonders betroffen sind hierbei das Euter sowie die Schamspalte. Diese Veränderung stellt eine physiologische Vorbereitung auf die Geburt dar.

Schleimabgang

Kurz vor dem Einsetzen der Geburt wird häufig ein zäher, meist klarer Schleim aus der Schamspalte abgesondert. Dabei handelt es sich um den sogenannten Schleimpfropf, der zuvor den Muttermund vor aufsteigenden Infektionen geschützt hat. Mit seiner Auflösung beginnt die Eröffnung des Geburtsweges.

Bild (Original fehlt noch): vergrößerte Vulva
Abgang von Schleim aus der Vulva
Rötung der Scheidenschleimhaut

Veränderungen im Beckenbereich

Lockerung der breiten Beckenbänder

Im letzten Drittel der Trächtigkeit bewirken hormonelle Veränderungen eine zunehmende Auflockerung der Bänder im Beckenbereich. Besonders betroffen sind die breiten Gebärmutterbänder, welche zur Stabilisierung des Uterus beitragen. Diese Bindegewebsstrukturen lockern sich, um den Geburtskanal zu erweitern und die Passage des Fetus zu erleichtern. Diese Lockerung ist von außen oft als Einsinken der Beckenregion vor der Geburt sichtbar oder tastbar.

Biegbarkeit der Schwanzspitze

Ein weiteres Anzeichen für bevorstehende Geburt ist die erhöhte Beweglichkeit bzw. Biegbarkeit der Schwanzspitze. Auch dies ist auf die hormonell bedingte Lockerung der Bänder und Gelenke in der Beckengegend zurückzuführen. Die erhöhte Flexibilität erleichtert die Weitung des Geburtskanals und wird daher als wichtiges klinisches Zeichen für die nahende Geburt gewertet. Bei der klinischen Untersuchung lässt sich die Schwanzspitze schmerzlos zur Seite bewegen.

Schwanzspitze ist kurz vor der Geburt vollständig biegbar
Bild (Original fehlt noch): Überprüfung der Festigkeit der breiten Beckenbänder

Veränderungen am Euter

Aufeutern

In der späten Trächtigkeit, insbesondere in den letzten Tagen vor der Geburt, beginnt das Euter deutlich an Größe zuzunehmen – ein Vorgang, der als Aufeutern bezeichnet wird. Diese Veränderung ist Ausdruck der Vorbereitung auf die Milchbildung. Unter dem Einfluss von Hormonen beginnt die Aktivität des Drüsengewebes. Das Euter wird praller und fühlt sich fester an. Das Aufeutern ist ein typisches Vorzeichen für die bevorstehende Geburt, tritt jedoch individuell unterschiedlich stark ausgeprägt auf.

Euterödem

Neben der Vergrößerung des Euters kann es durch hormonelle Umstellungen auch zur Einlagerung von Flüssigkeit im Zwischenzellraum kommen – man spricht dann von einem Euterödem. Besonders häufig sind Erstkalbinnen betroffen. Das Euter erscheint geschwollen, gespannt und fühlt sich teigig bis prall-elastisch an. Ein Euterödem ist in der Regel reversibel und bildet sich einige Tage nach der Geburt zurück, kann aber – je nach Ausmaß – vorübergehend das Melken oder das Saugen des Neugeborenen erschweren.

Bild (Original fehlt noch): Kuh mit Euterödem kurz vor der Abkalbung
Bild (Original fehlt noch): Kuh mit hochgradig angebildetem Euter

Zusammenfassung

Geburtsüberwachung

  • Die Kombination aus Mensch und Technik ermöglicht eine optimale Geburtsüberwachung. Dazu gehören zum Beispiel Kameras oder Sensoren und Vorrichtungen, die an oder in der Kuh eingesetzt werden können.
  • Wird eine beginnende Geburt erkannt, sollte die Kuh engmaschig überwacht werden – Sichtkontrolle etwa alle 15 Minuten.
  • Jede unnötige Störung kann zum Stillstand der Geburt führen. Deshalb gilt: so oft wie nötig kontrollieren, aber so wenig wie möglich stören. Ruhiges Verhalten und ein vertrautes Umfeld helfen zusätzlich, Stress zu vermeiden.

Geburtsablauf

Film einer komplikationslosen Geburt

Natürlicher Geburtsablauf

Vorbereitungs-Phase (mehrere Tage vor der Geburt)

Bereits 14 Tage vor dem errechneten Kalbetermin können Merkmale der Vorbereitung auftreten.

  • Aufeutern / Milchfüllung der Zitzen
  • Abgang Schleim
  • Aufweichung der Beckenbänder
Bild (Original fehlt noch): Kuh mit weichen Beckenbändern

Öffnungsphase (4 bis 24 Stunden vor der Geburt)

  • Beginnt mit Öffnung des Muttermundes
  • Beginnende Wehentätigkeit
  • Eventueller Milchaustritt
  • Die Öffnungsphase endet mit platzender Fruchtblase

Einzelne Wehen dauern wenige Sekunden, die Wehentätigkeit wird erst durch den Abgang der Nachgeburt beendet.

Blick auf die Fruchtblase („Wasserblase“)

Austreibungsphase (1 bis 4 Stunden vor der Geburt)

  • Wehen mit Bauchpresse 
  • Austritt Fruchthüllen
  • Die Austreibungsphase endet mit Austreiben der Frucht
Bild (Original fehlt noch): Kuh in der Austreibungsphase. Das Kalb ist bis zum Brustkorb aus dem Geburtsweg ausgetreten

Nachgeburtsphase (6 bis 12 Stunden)

  • Abgang der Nachgeburt

Wichtig: Überprüfen, ob die Nachgeburt vollständig ist. Entsorgung über die Tierkörperbeseitungsanlage. Manche Kühe fressen die Nachgeburt.

Abgang der Nachgeburt

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Schwierigkeiten in der individuellen Überwachung

Hauptursachen für nicht erkannte Geburten

  • Temperament der Tiere
    Scheue oder aggressive Tiere zeigen weniger oder schwer erkennbare Geburtsanzeichen.
  • Überwachungsintensität
    Eine ständige Kontrolle erfordert erhebliche Kosten und Zeit, die in vielen Betrieben nicht realisierbar sind.
  • Zahl der Tiere im Abkalbebereich
    In größeren Beständen steigt die Komplexität und die Wahrscheinlichkeit, einzelne Tiere zu übersehen.
  • Fehler in der Aufzeichnung (Tiererkennung)
    Unvollständige oder falsche Daten erschweren das rechtzeitige Erkennen von Geburten.
  • Personalverfügbarkeit im Notfall
    Fehlendes oder überlastetes Personal kann nicht schnell genug reagieren, wenn eine Geburt unmittelbar bevorsteht.

Nicht erkannte Geburten können zum Totalverlust führen

Die Erkennung von Geburten wird durch schwer einschätzbare Tiere, hohe Tierzahlen, fehlerhafte Aufzeichnungen und begrenzte personelle Ressourcen erheblich erschwert.

Lösungsansätze

Durch den Einsatz automatisierter Überwachungssysteme und klar strukturierter Arbeitsabläufe lassen sich diese Risiken deutlich reduzieren und Geburten zuverlässiger erkennen.

Geburtsverletzung
Bild (Original fehlt noch): aggressive Kuh im Abkalbestall

Schwergeburten

Ursachen für Schwergeburten

  • zu große Kälber
  • zu geringe Wehentätigkeit
  • Enge im Geburtsweg (mangelhafte Öffnung des Muttermundes)
  • fehlerhafte Haltung der Beine und des Kopfes
  • Verdrehung der Gebärmutter
  • fehlerhafte Lagen & Stellungen
  • Zwillinge (Verkeilungen)
  • Missbildungen
Riesenkalb
Zwillinge
Missbildungen

Film zu Schwergeburten beim Rind

Informationen zur Gebärmutterverdrehung

Eine Gebärmutterverdrehung kann von außen nicht sicher erkannt werden. Bei einer Gebärmutterverdrehung kommt es schnell zur Schädigung des Kalbes. Mögliche Auffälligkeiten sind:

  • fehlender / kein Geburtsfortschritt
  • erst nach längerer Zeit: Einstellen der Futteraufnahme
  • noch später: Vergiftungserscheinungen 

Liegt der Verdacht auf eine Gebärmutterverdrehung vor, muss unverzüglich der Haustierärztin oder -arzt Bescheid gegeben werden.

Folgen von Schwergeburten

Folgen für die Kuh

Bild (Original fehlt noch): Kalb steckt nach massiver Zughilfe im Geburtsweg fest – es entsteht eine Nervenquetschung, die zum Festliegen der Kuh führen wird
Abgestorbenes Vaginalgewebe nach schwerem Auszug führte zum Tod der Kuh durch Blutvergiftung

Folgen für das Kalb

  • 6-fach erhöhtes Risiko in den ersten 48 Lebensstunden zu versterben
  • Kälbererkrankungen nach Auszug deutlich höher als nach Spontangeburt (1,5-fach)
  • Todesfälle bei Kälbern bis 60. Tag nach Auszug deutlich höher als nach Spontangeburt (2,9‑fach)
Bild (Original fehlt noch): schlecht entwickeltes Kalb mit Durchfall

Stabilisierung von Kälbern aus Schwergeburten

  • Sicherstellung der Atmung
  • Trockenreiben (z.B. mit Handtüchern)
  • saubere & weiche Aufstallung
  • Auskühlung verhindern (z.B. durch Wärmelampe oder Kälberdecke)
  • Kolostrum tränken
  • Hoftierärztin oder -arzt hinzuziehen bei Bedarf

Schwergeburten bedeuten

  • höhere Kosten für Arbeitszeit und Behandlung
  • eine höhere Anzahl toter Kälber
  • ein höherer Betreuungsaufwand für kranke Kälber
Bild (Original fehlt noch): Kalb nach Schwergeburt trockengerieben. Zusätzlich wird diesem Kalb Sauerstoff vorgehalten.
Bild (Original fehlt noch): Trockene, gut eingestreute Box zur Aufstallung

Bedeutung und Folgen von Schwergeburten

Geburtskontrolle

Entscheidende Rolle der Geburtskontrolle

Je früher eine Schwergeburt erkannt wird, desto geringer sind die Risiken und Schäden für Kuh und Kalb.

Wichtig: Zu häufige oder unüberlegte Kontrollen können den normalen Geburtsverlauf stören. Besonders Auszugsversuche bei noch nicht vollständig geöffnetem Geburtsweg führen oft zu Verletzungen.

Zu früher Auszug

  • Weicher Geburtsweg noch nicht ausreichend aufgedehnt
  • Erhöhte Verletzungsgefahr für Kuh und Kalb

Zu später Auszug

  • Erhöhtes Risiko für negative Folgen und Schäden beim Kalb
Gebärmutterriss nach übersehener Gebärmutterverdrehung
Bild (Original fehlt noch): Geburtsverletzung bei einer Kuh

Wann muss kontrolliert werden?

Bestimmte Parameter sind bei der Geburt in konkreten zeitlichen Abständen zu überprüfen und auf Unregelmäßigkeiten zu kontrollieren.

Kontrollen im Geburtsverlauf

Eine Kontrolle wird durchgeführt, wenn folgende Werte überschritten werden:

Dauer vom Erscheinen beider Klauenspitzen bis zur vollständigen Geburt:

  • Kühe: 20 Minuten
  • Färsen: 45 Minuten
Bild (Original fehlt noch)- Klauenspitzen sichtbar ?

Dauer vom Platzen der Fruchtblase bis zum Durchtritt des Kopfes: > 1,5 Stunden

Dauer vom Austritt des Kopfes bis zur vollständigen Geburt:

Kühe & Färsen: 5 Minuten

Kopf des Kalbes ausgetreten

Teile der Nachgeburt werden sichtbar, bevor das Kalb geboren ist

Bild (Original fehlt noch)

Hinweise auf Störungen des normalen Geburtsvorganges

  • Sohlen der Gliedmaßen zeigen nach oben
  • es erscheint nur eine Gliedmaße
  • es erscheint nur der Kopf
  • Klauen bleiben auf der Höhe des Flotzmauls
  • Bauchpresse & Wehen ohne, dass Fruchtteile sichtbar werden
nur ein Bein und der Kopf ausgetreten

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Wie muss kontrolliert werden?

Sauberkeit ist das A und O bei jeder Untersuchung – insbesondere beim Geburtsvorgang ist penible Hygiene wichtig.

Durch jede Untersuchung werden Bakterien in die Gebärmutter gebracht. Je höher der Keimgehalt in der Gebärmutter, desto eher entwickeln sich Gebärmutterentzündungen.

Worauf ist bei der Geburtsüberwachung zu achten?

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Geburt ist ein zentrales Ereignis für Kuh und Kalb. Sie ist die Weichenstellung für Tiergesundheit und hohe Leistung.
  • Das Kennen und Erkennen der Geburtsanzeichen ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Geburtsüberwachung.
  • Wiederholtes Erfassen der Geburtsanzeichen bringt die höchste Genauigkeit der Aussage. Geburtsüberwachung kann durch technische Hilfsmittel erleichtert werden.
  • Zu häufige Kontrollen können allerdings den Geburtsvorgang unterbrechen. Bei der Kontrolle ist auf ein sauberes Vorgehen zu achten.
  • Das rechtzeitige Erkennen von Schwergeburten rettet Leben. Es gibt eindeutige Anzeichen einer Schwergeburt.
  • Zeit für Geburtsüberwachung ist sinnvoll investierte Zeit.

Quiz zur Lernkontrolle

Herzlichen Glückwunsch!

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