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Eutergesundheit – Vertiefendes Wissen Betrieb

Vertiefendes Wissen Betrieb
Eutergesundheit

In diesem Modul werden folgende Maßnahmen behandelt, die seitens der Betriebsleitung erwogen werden können:

  • Gruppenbildung und Belegdichte
  • Liegeboxenpflege
  • Melken (Hygienestandards & Funktion des Melkzeugs)
  • Selektives Trockenstellen und Antibiotika-Minimierung

Außerdem werden zusätzlich folgende Maßnahmen behandelt, die bei Stallumbau oder -neubau bedacht werden können/müssen:

  • Liegeflächengestaltung (Art, Begrenzung, Einstreu)
  • Gruppengröße

Jungkuhgruppe

Die Etablierung einer auf Eutergesundheit überwachten Jungkuhgruppe empfiehlt sich in entsprechend großen Herden, wo sich dies darstellen lässt. Sie ermöglicht den Aufbau einer eutergesunden Herde aus eigener Remontierung und ist gleichzeitig ein Instrument der Stressreduzierung für Jungkühe. Die Jungkuhgruppe ist auch immer angezeigt, wenn Jungkuhabgänge relativ hoch (>> 15 %) und die Jungkuhleistung übermäßig schlecht (HF < 30 kg / Kuh und Tag) ausfallen!

Wie?

„Konsequentes Führen einer Jungkuhgruppe“ heißt, dass die Färsen nach Möglichkeit bereits in einer reinen Färsengruppe abkalben und ohne den Weg über gemeinsame Repro- oder Startgruppen mit Mehrkalbskühen in die Jungkuhgruppe versetzt werden (ggf. eigenständige Jungkuh-Startgruppe zur besseren Tierbeobachtung / Fresh-Cow-Management).

Jungkühe verbleiben in der Jungkuhgruppe von der Einstellung bis zum Trockenstellen und erhalten die gesamte Laktation über eine für Jungkühe geeignete Ration mit ausreichend Energie und Rohfaser, d.h. eine faserreiche, bzgl. Stärke, Zucker und Rohprotein nicht voll ausgereizte Hochleistungs-Ration mit wenigstens 6,9 MJ Nettoenergie-Laktation.1

Vorteile

Fütterung:

  • Wegen des noch vorhandenen Wachstumspotentials der Kühe im dritten Lebensjahr ist ein Verfetten von Jungkühen bei entsprechender Leistung und Persistenz relativ unwahrscheinlich.

Überwachung der Eutergesundheit:

  • Nach jeder MLP sollte vor allem die Jungkuhgruppe kritisch ins Auge gefasst werden.
  • Jungkühe mit Zellzahlanstieg sollten ggf. einer zytomikrobiologischen Milch-Untersuchung im Rahmen einer repräsentativen Leitkeimermittlung zugeführt werden. Früh erkannte subklinische S. aureus-Infektionen können hier im Rahmen einer Laktationsbehandlung erfolgreich therapiert werden.
  • Auch klinische Erst- und Zweitfälle einer Mastitis Grad 1-3 bei Jungkühen sollten einer antibiotischen Behandlung zugeführt werden.
  • Chronisch euterkranke Jungkühe (mehr als zwei klinische Fälle, mehr als dreimal in Folge > 700.000 / ml, mehr als viermal infolge > 400.000 / ml) müssen die Jungkuhgruppe verlassen und ggf. einer Euterselektionsgruppe zugeführt werden. Eine antibiotische Behandlung sollte nur nach kritischer Prüfung des Einzelfalles erfolgen. 

Vorrangige Betreuung:

  • Wenn im Stall aus Personalmangel Engpässe bei der Arbeitserledigung bestehen (Liegeboxen und Laufgang-Bewirtschaftung, Schwanzhaare kürzen, Euterhaare abflammen etc.), dann hat die Jungkuhgruppe in der Betreuung immer Vorrang!

Einstellung der Liegeboxen:

  • In einer reinen Jungkuhgruppe besteht die Möglichkeit, die Liegeboxen generell auf die etwas geringere Rahmenentwicklung von Jungkühen einzustellen (ggf. durch Versetzen des Nackenrohrs nach hinten), um die Jungkühe am Abkoten in der Box zu hindern und sie dadurch sauberer zu halten.

Vorschläge zur besseren Umsetzung

Es kann vorkommen, dass Melker und Melkerinnen Schwierigkeiten mit reinen Jungkuhgruppen haben (zu unruhig beim Melken, zu klein für das Ausfüllen des Melkstands).

  • In solchen Fällen können die Gruppen zunächst mit ein paar frischmelkenden eutergesunden Kühen aus der zweiten Laktation aufgefüllt werden.
  • Andererseits kann eine altmelkende Jungkuh, die bis zum Trockenstellen in der Gruppe bleiben soll, ein beruhigender und orientierungsstiftender Einfluss für Neuzugänge sein.

Euter-Selektionsgruppen

Die Etablierung einer „Euter-Selektionsgruppe“ wird erforderlich, wenn der Anteil chronisch infektiöser Kühe (Kühe mit S. aureus-Befund, Kühe mit einer somatischen Zellzahl (SCC) von dreimal in Folge > 700.000 / ml, Kühe mit > viermal in Folge SCC > 400.000 / ml) einen Grenzwert von 5 % deutlich überschreitet. Bei über 5 % chronisch infektiöser Kühe entwickelt sich sonst im Melkstand, unabhängig vom Leitkeim, eine Infektionsdynamik, die nur mit reiner Melkstandhygiene nicht zu halten ist.

Wie?

Alle Kühe mit bekanntem S. aureus-Befund und Kühe, die nach MLP dreimal in Folge in der SCC > 700.000 / ml oder > viermal in Folge > 400.000 / ml lagen, werden in einer solchen eigenständigen Euterselektionsgruppe zusammengestellt, dauerhaft während der Laktation von den eutergesünderen Kühen getrennt gehalten und stets als letztes gemolken!

Bitte beachten: Chronisch euterkranke Kühe in dieser Gruppe sollten möglichst nicht erneut belegt, sondern nach dem Abmelken gemerzt werden.

Vorteile

Ermöglichen einer Melkreihenfolge im Boxenlaufstall:

  • Bei deutlich über 5 % chronisch infektiöser Kühe ist das Einhalten einer Melkreihenfolge (gesund vor krank) die wichtigste aller Maßnahmen zur Melkhygiene.
  • Eine Melkreihenfolge im Boxen-Laufstall einzuhalten ist nur durch Schaffung einer separaten Euterselektionsgruppe möglich.

Verminderte Erregerübertragung:

  • Chronisch infektiöse Kühe, vor allem bei Infektionen mit kuhassoziierten Erregern (Galt, Staphylokokkus aureus, Mykoplasmen) können durch das getrennte Melken keine Euterinfektion über Hände oder Melkzeug an eutergesunde Kühe weitergeben.

Reduzierte vorzeitige Selektion:

  • Um den Innerherden-Infektionsdruck zu senken wäre das vorzeitige Merzen oder vorzeitige Trockenstellen solcher Problemkühe eine teure Alternative zur Euterselektionsgruppe, da diese Kühe u. U. noch viel Milch geben.
  • Mit Hilfe der Euterselektionsgruppe können diese Kühe noch abgemolken werden, ohne dass sie für den Rest der Herde eine Gefahr darstellen.

Klare Vorgabe für Behandlungskonzepte:

  • In Mastitisbehandlungskonzepten muss der Einsatz von Antibiotika kritisch beurteilt werden
  • Insbesondere bei chronischen Eutererkrankungen (mehrfach über 700.000 Zellen) vom Grad 1 und Grad 2 ist dieser in den meisten Fällen nicht sinnvoll.

Vorschläge zur besseren Umsetzung

  • Sind chronisch euterkranke Kühe zum Zeitpunkt der Verbringung in die Selektionsgruppe bereits tragend, werden sie am Ende der Laktation antibiotisch trockengestellt. Nach der Abkalbung sollten sie im Zweifel zunächst erneut der Euterselektionsgruppe zugeordnet werden. 
  • Sollten sie sich in der ersten MLP als ausgeheilt erweisen (SCC < 100.000 / ml) könnte man zusätzlich eine zytomikrobiologische Viertelgemelksuntersuchung durchführen. Sollte diese keinen „kuhübertragbaren Keim“ aufweisen und die Kuh nach SCC und Anzahl klinischer Fälle weiterhin in der neuen Laktation nicht als chronisch infektiös anzusehen sein, kann die Kuh auch wieder in eine der übrigen Gruppen zurückverbracht werden.
  • Die Behandlung chronisch subklinisch euterkranker Kühe ist keine erfolgversprechende Option, insbesondere wenn die „Neuinfektionsrate in der Laktation“ durchschnittlich oder gar überdurchschnittlich hoch wäre!

Bitte beachten: Die Euterselektionsgruppe sollte nicht zur Dauereinrichtung werden! Greifen die Maßnahmen zur Absenkung der Euterinfektionen, werden weniger Kühe zukünftig chronisch euterkrank werden. Spätestens wenn die vorhandenen gemerzt sind, wird man den Anteil der chronisch infektiösen Problemtiere auch ohne die Gruppe unter 5 % halten können. Spätestens dann erübrigt sich das getrennte Melken, der Stallplatz der Euterselektionsgruppe kann wieder anderweitig genutzt werden.

Optimale Belegdichte

Zu unterscheiden sind hier Maßnahmen, die in einem bestehenden System mit überschaubaren finanziellen Aufwendungen und guter Arbeitsmoral umgesetzt werden können und solche, die nur bedacht werden können und müssen, wenn ein Stallumbau oder -neubau oder der Einbau eines neuen Melksystems anstehen.

Achtung

Jede Überbelegung bedeutet Einschränkungen bei der Zugänglichkeit zu Futter und Wasser und ein Mehr an Rangordnungsstress und mündet in immunsuppressiven Belastungen der Milchkühe.

Wie?

„Striktes Einhalten eines Tier-Liegeplatz-Verhältnisses (TLV) und eines Tier-Fressplatz-Verhältnisses (TFV) von 1:1. Im Dreireiher darf das Tier-Fressplatz-Verhältnis bei maximal 1,5:1 liegen..

Vorteile

Gute Futteraufnahme aller Kühe:

  • Ein optimaler Zugang zu Tränke und Futtertisch ist Voraussetzung für eine optimale Futter- und Wasseraufnahme und damit für eine Leistung entsprechend der genetischen Veranlagung.
  • Rangniedere Tiere werden oft von ranghöheren am Zugang zu Futter und Wasser behindert.

Verminderte Immunsuppression:

  • Stress (Rangordnung) und Mangelernährung (katabole Stoffwechsellage mit negativer Energiebilanz) führen zu Abwehrschwäche (Immunsuppression). Das gilt als wesentlicher Co-Faktor für Euterinfektionen mit einem umweltassoziierten Mastitis-Erreger in der Zwischenmelkzeit.

Reduzierter Infektionsdruck:

  • Überbelegung führt zwangsläufig zu einer Erhöhung des Umwelt-Infektionsdrucks.
  • Mehr Kühe -> mehr Kot -> mehr Umwelt-Mastitis-Erreger!

Überbelegte, unsaubere Box für Vorbereiter
Quelle: RGD Thüringen
Hier ist das Fressen ohne Beeinträchtigung nicht möglich
Quelle: RGD Thüringen

Pflege der Liegeboxen

Für diese pflegerischen Arbeiten muss gleichermaßen das Personal gestellt und/oder für technische Lösungen in Form geeigneter Arbeitsgeräte gesorgt werden. Wie gut der Stall personell und technisch ausgestattet wird, ist Entscheidung der Betriebsleitung.

Jede Liegebox muss unabhängig von ihrer Gestaltung (Hoch- oder Tiefbox) und der verwendeten Einstreu (Stroh-Kalk, Sägemehl, Sand oder Pressgülle / Gärsubstrat) immer trocken und frei von Ausscheidungen gehalten werden. Eine weiche und ebene Oberfläche ist wichtig für eine gute Annahme der Liegeboxen und ausreichend lange Liegezeiten (Ziel: min. 12-14 Stunden am Tag).

Wie?

Ein guter Pflegezustand ist nur bei täglicher Liegeboxenpflege gewährleistet. Das bedeutet nicht nur das tägliche Abkratzen von Kotresten, sondern auch „tägliches Betten machen“. 

Für die Tiefbox bedeutet das ein tägliches Einebnen der Liegeboxeinstreu und für alle Boxentypen (inkl. Hochbox), das Aufbringen einer dünnen, trocknen Hygienedeckschicht auf der ganzen Fläche, insbesondere im Bereich der Euterablage (Strohmehl-Kalk, Kalk dabei ggf. pH > 10, kein Branntkalk!).

Vorteile

Saubere Euter:

  • Trockene und saubere Liegeboxen sind Voraussetzung für eine geringe Verschmutzung der Euter während der Zwischenmelkzeit. Außerdem wird die Annahme der Liegeboxen verbessert und „Stallganglieger“ werden minimiert.
  • Saubere Euter sparen viel Zeit bei der Euterreinigung beim Melken und reduzieren atypische Umweltinfektionen in der Melkzeit.

Verminderter Infektionsdruck:

  • Euterinfektionen mit einem umweltassoziierten Mastitis-Erreger in der Zwischenmelkzeit sind die häufigste Mastitis-Ursache.
  • Ein hoher Verschmutzungsgrad der Liegeboxen in Verbindung mit Feuchtigkeit ist Ursache Nr. 1 für diese Infektionen!

Besseres Wiederkauen:

  • Entspanntes Liegen fördert die Widerkautätigkeit und damit die Vormagenverdauung, erhöht die Verdaulichkeit der Futtermittel und beugt Pansenfermentationsstörungen vor.
Schlecht gepflegte Tiefliegebox
Quelle: RGD Thüringen
So sollte es nicht aussehen. Liegematten müssen regelmäßig komplett gereinigt werden
Quelle: RGD Thüringen
Liegebox ohne Mattenaufbau
Quelle: RGD Thüringen
Beispiel für eine gute Liegefläche
Quelle: RGD Thüringen
Gut eingestreute Liegebox
Quelle: RGD Thüringen

Melkarbeit und Einhaltung der Hygienestandards

Die Bedeutung von Melkarbeit und Hygienestandards mit guter fachlicher Praxis im Melkstand für die Eutergesundheit, wie sie in den Lernmodulen für Melker und Herdenmanager dargestellt werden, werden in ihrer Bedeutung für die Eutergesundheit auch von der Betriebsleitung häufig unterschätzt. Aber nur sie kann fordern und durchsetzen, dass die Melkarbeit von allen Mitarbeitenden korrekt durchgeführt wird.

Sowohl aus dem Blickwinkel der Eutergesundheit (Stimulation des Milchflusses & Mastitis-Früherkennung), als auch aus dem Blickwinkel der hygienischen Gewinnung von Rohmilch sind bei Melkarbeit und Melkhygiene keine Kompromisse hinnehmbar. Der Landwirt ist hier Lebensmittelunternehmer in der Primärproduktion und unterliegt den Regularien des EU-Lebensmittelrechts. Die Verantwortung für deren Einhaltung trägt die Betriebsleitung.

Wie?

Das Melken muss unter hygienisch einwandfreien Bedingungen erfolgen. Dazu gehört:

Sauberes Melken durch saubere Melker und Melkerinnen:

  • Melker und Melkerinnen haben beim Melken saubere Kleidung einschließlich abwaschbarer Stiefel und Schürze zu tragen.
  • Die Hände müssen beim Melken sauber sein. Dafür muss ein funktionierendes Handwaschbecken mit Seife im Melkstand verfügbar sein.
  • Darüber hinaus sollten Melker bei der Arbeit Einmalhandschuhe tragen, die möglichst nach jedem Kuhkontakt zwischengereinigt und hin und wieder auch gewechselt werden!

Vormelken oder Kontrolle auf abnorme physikalisch-chemische Merkmale (AMS):

  • Wahrnehmbar veränderte Milch ist kein Lebensmittel und darf nicht für den menschlichen Verzehr verwendet werden, die betreffende Kuh ist für die Lebensmittelgewinnung zu sperren (Milch = Lebensmittel von gesunden Eutern!)
  • Bitte beachten: Ein Verzicht auf das Vormelken bzw. auf die technische Prüfung des Gemelks ist aus lebensmittelrechtlicher Sicht in der EU nicht zulässig.

Euterreinigung und -trocknung:

  • Zitzen, Euter und angrenzende Körperbereiche müssen vor Melkbeginn sauber sein. Entscheidend ist eine saubere Liegefläche.
  • Für verschmutzte Euter muss die Betriebsleitung ein geeignetes Verfahren festlegen und durchsetzen.
  • Nach der Reinigung und vor dem Ansetzen der Melkzeuge müssen die Euterhaut und die Zitze trocken sein. 

Anrüsten:

  • Für einen guten Milchfluss ist eine ausreichende Stimulation der Kuh erforderlich, die zur Freisetzung von Oxytocin führt. Damit das passiert, muss zwischen dem ersten taktilen Reiz durch den Melker an der Zitze und dem Wirken des vollen Melkvakuums ein Zeitabstand von 60 bis 90 Sekunden eingehalten werden.
  • Mit einer geeigneten automatischen Stimulation kann diese Zeit überbrückt werden. Ohne eine solche automatische Stimulation sollten zunächst 3-5 Kühe angerüstet werden, bevor dann in der gleichen Reihenfolge die Melkzeuge mit Vollvakuum angesetzt werden.

Zitzendesinfektion (Dippen):

  • Hierbei ist zu unterscheiden zwischen einem Desinfizieren der Zitzenhaut im Zusammenhang mit der Zitzenreinigung (sog. Prädippen) und einem Desinfizieren der Zitzenhaut nach dem Melken und vor Verlassen des Melkstands.
  • Zitzentauchmittel oder -sprays dürfen nur verwendet werden, wenn sie von der zuständigen Behörde zugelassen wurden, und nur so, dass sie keine messbaren Rückstände („Hemmstoffe“) in der Milch hinterlassen.

Melkzeug-Zwischendesinfektion:

  • Das Zwischendesinfizieren der Melkzeuge nach jeder Melkung ist ein nicht überall etablierter Hygienestandard und nicht in allen Melkständen automatisiert verbaut.
  • Je mehr Tier-Melkzeug-Kontakte es in einer Melkzeit gibt, umso wichtiger wird eine Melkzeug-Zwischendesinfektion. 
  • Besonders dringlich wird die Melkzeug-Zwischendesinfektion in Betrieben mit kuhassoziierten Mastitis-Erregern, mit vielen Kühen mit SCC > 400.000 / ml (>> 10 %) oder einer hohen monatlichen Neuinfektionsrate (>> 20 %).

Vorteile

Mastitis-Früherkennung:

  • Korrektes Vormelken gewährleitet das frühzeitige Erkennen von Euterentzündungen und ermöglicht frühzeitiges Behandeln prognostisch noch günstiger klinischer Fälle.

Qualitätssicherung für die Milch, Einhaltung der Keimzahl:

  • Verhinderung des Eintrags von Schmutzkeimen über die Melkbecker durch schlecht gereinigte oder nasse Zitzen. Damit wird die hygienisch einwandfreie Qualität der Milch sichergestellt.

Verminderung von Schmutzkeiminfektionen:

  • Beim unhygienischen Melken können Schmutzkeime über den Strichkanal in das Euter eindringen ( = Rückspray, eine wesentliche Ursache für atypische Infektionen mit umweltassoziierten Mastitis-Erregern während des Melkens).

Gute Milchhergabe:

  • Gutes Anrüsten führt zu zügiger Milchhergabe innerhalb der Wirkzeit von Oxytozin (5-7 min). Damit wird die Melkzeit kurzgehalten und das Zitzengewebe geschont.
  • Bitte beachten: Ein Nichtbeachten führt durch Blindmelken zur Beeinträchtigung der Zitzenkondition und begünstigt insbesondere Infektionen mit Staphylokokken.

Keimreduktion auf der Zitzenhaut:

  • Zitzendesinfektion (Dippen) vermindert die Keimbelastung der Zitzenhaut.
  • Dippen im Zusammenhang der Euterreinigung vermindert die Schmutzkeimbelastung und den Keimeintrag beim Melken.
  • Dippen nach dem Melken ist entscheidend für die Entfernung von kuhassoziierten Keimen, die sich nach dem Melken auf der Euterhaut befinden. Damit wird Euterinfektionen vorgebeugt. 

Keimreduktion im Melkbecher:

  • Mit der Melkzeug-Zwischendesinfektion werden die nach dem Melken dem Melkzeug anhaftenden Mastitiserreger ausgespült und abgetötet, sodass eine Übertragung auf die nachfolgend mit diesem Melkzeug gemolkenen Kühe vermieden wird.

Vorschläge zur besseren Umsetzung

Entsorgung des keimbelasteten Vorgemelks:

  • Das Sammeln des stark keimbelasteten Vorgemelks in Vormelkbechern und das unschädliche Entsorgen des Vorgemelks über die Gülle wird dringend empfohlen.

Achtung

Vorgemelk nicht auf dem Melkstandboden entsorgen! Das Entsorgen der betrieblichen Problemkeime auf dem Melkstandboden führt im Rahmen der Melkstandreinigung zur Bildung eines erregerhaltigen Sprühnebels, der sich auf allen Melkzeug-Armaturen niederschlägt und die Weitergabe der Problemkeime begünstigt.

Verwendung von Einmalware:

  • Empfohlen wird das Verwenden von Einmalware zur Euterreinigung.
  • Mehrwegtücher sollen nur nach einem geeigneten Waschgang in der Waschmaschine für je eine Kuh verwendet werden. Bei kuhassoziiertem Infektionsdruck mit Galt und S. aureus oder Mykoplasmen Kochprogramm und/oder desinfizierende Waschmittel verwenden! Bestenfalls eine Industriewaschmaschine nutzen, da konstante Temperatur und weniger Korrosion durch desinfizierende Waschmittel.
  • Die Verwendung von nur einem Reinigungstuch für alle Kühe oder die Verwendung schlecht gereinigter Mehrwegtücher im Einmalgebrauch können zur vektoriellen Weiterverbreitung von betrieblichen Problemkeimen beitragen.
  • Für Melker wird das Tragen von Einmalhandschuhen dringend empfohlen! Diese sollten während der Melkzeit von Tier zu Tier zwischengereinigt und bei Notwendigkeit gewechselt werden.
  • Das Tragen von Einmalhandschuhen mindert das Anhaften der betrieblichen Problemkeime in den Poren der Haut der Melkerhände, von wo aus sie schlecht zu entfernen sind, aber leicht weitergegeben werden können.

Zitzendippen / Zitzendesinfektion:

  • Grundsätzlich sinnvoll sind das Desinfizieren der Zitzenhaut vor dem Melken (Prä-Dip) und nach dem Melken (Post-Dip, insbesondere bei Vorliegen eines hohen Herdeninfektionsdrucks).
  • Beim Einsatz von Desinfektionsmitteln vor dem Melken besteht allerdings immer eine höhere Gefahr der Verschleppung von anhaftenden Desinfektionsmittelresten in die Milch, woraus sich eine „Hemmstoff-Problematik“ oder zumindest eine Qualitätsbeeinträchtigung der Milch ergeben kann. Für das Prä-Dippen sind daher nur wenige Mittel zugelassen.
  • Beim Post-Dip sollte man neben der hautdesinfizierenden Wirkung auch eine hautpflegende Komponente bedenken (hohe Gehalte an Glycerin, Lanolin, Allantoin), die insbesondere in KNS-Betrieben mindestens genauso wichtig ist wie die desinfizierende Wirkung. In sprühfähigen Dippmitteln ist der Anteil hautpflegender Anteile eher niedrig.
  • Bitte beachten: Grundsätzlich ist der sog. Sprühdipp die schlechtere technische Lösung, weil er sehr oft mit einem „Sprühschatten“ einhergeht, in dem auf der Zitzenhaut weder eine desinfizierende noch eine pflegende Wirkung ankommt.
  • Eine flächendeckende Benetzung der Zitzenhaut ist nur möglich mit Hilfe eines Dippbechers mit Rücklaufschutz oder bei einem automatischen Dipp, der aus dem Melkbecher erfolgt (universell nachrüstbar, z. B. ADF-Melkzeuge oder herstellerspezifisch.

Desinfektion des Melkzeugs:

  • Für die Melkzeug-Zwischendesinfektion eignen sich sauerstoffabspaltende Desinfektionsmittel (Peressigsäure oder Wasserstoffperoxid), da diese rückstandsfrei in Sauerstoff und Wasser zerfallen.
  • Peressigsäure soll nach Verdünnung eine Endkonzentration von 800 bis 1.000 ppm aufweisen (Verdünnung von 2,5 bis 3 ml 40%iger Ausgangslösung auf einen Liter Wasser).
  • Beim Umgang mit unverdünnter Peressigsäure Schutzbrille und Handschuhe tragen (Arbeitsschutz! Stark ätzend!)
  • Das Nachrüsten einer automatisierten Melkzeug-Zwischendesinfektion sollte spätestens bei Auftreten entsprechender Probleme als unerlässliche Investitionsmaßnahme in bestehende Melktechnik verstanden und von der Betriebsleitung befördert werden.
  • Bitte beachten: Bei der Planung neuer Melkstände sollte auf dieses Sicherheitstool aus Gründen der Kosteneinsparung niemals verzichtet werden!

Gewährleistung einer einwandfreien Funktion der Melktechnik

Das Einhalten von Fristen für die Melkanlagenüberprüfung ist wichtig für deren einwandfreie Funktion und ist Aufgabe der Betriebsleitung.

Die Melkanlage kann schädigenden Einfluss auf Tier- und Eutergesundheit nehmen. 

Sowohl die Einflüsse eines fehlerhaften Melkvakuums, das zu hoch sein kann oder erheblichen Schwankungen durch Leckagen unterliegen kann, als auch fehlerhaft getaktete Pulsatoren oder verschlissene Zitzengummis können großen Einfluss auf die Zitzenkondition und damit auf die lokale Abwehr an der Zitze nehmen und Euterinfektionen begünstigen.

  • Es ist Aufgabe der Melker und Melkerinnen, die Melkanlage bei jeder Inbetriebnahme einer Sichtprüfung zu unterziehen (Höhe des Melkvakuums ablesen, Funktion der Pulsatoren, der Autostimulation und der milchflussgesteuerten Abnahmeautomatik überwachen).
  • Die exakte Einstellung der technischen Parameter muss regelmäßig durch eine Fachfirma bzw. einen unabhängigen Prüfdienst erfolgen und ist durch die Leitungsebene zu beauftragen.
  • Der lebensmittelechte und hygienisch einwandfreie Zustand der gesamten Melkanlage (Reinigung und Desinfektion der mit Milch in Berührung kommenden Oberflächen) liegt in der Zuständigkeit der Leitungsebene, denn der Tierhalter ist der Lebensmittelproduzent.Das Nachrüsten einer automatisierten Melkzeug-Zwischendesinfektion sollte spätestens bei Auftreten entsprechender Probleme als unerlässliche Investitionsmaßnahme in bestehende Melktechnik verstanden und von der Betriebsleitung befördert werden.

Wie?

Tägliche Reinigung aller milchführenden Anlagenteile:

  • Ausrüstungsoberflächen, die mit Milch in Berührung kommen (Melkgeschirr, Rohrleitungen, Kannen, Eimer, Tanks usw. zur Sammlung und Beförderung von Milch), müssen leicht zu reinigen und zu desinfizieren sein. 
  • Sie müssen auch einwandfrei instandgehalten werden. Nach Gebrauch müssen die Oberflächen der Melkgeschirre, Rohrleitungen, Kannen, Eimer und Tanks innen wie außen gereinigt und erforderlichenfalls desinfiziert werden. Diese Reinigung muss nach jeder Melkzeit / Milchabholung erfolgen. Sofern in sehr großen Betrieben oder durch dreimal Melken nur sehr kurze Zeitspannen zwischen den Melkzeiten oder der Milchabholungen bestehen, muss die Reinigung wenigstens einmal pro Arbeitstag erfolgen. 
  • Bitte beachten: Technische Fehler oder Verschmutzungen können die hygienische Qualität der Milch beeinträchtigen. Falsche Einstellungen an der Melkanlage führen zu einer Schädigung der Euter, insbesondere der Zitzenspitze, und fördern Euterinfektionen. 

Prüfung der Melkanlage nach DIN ISO:

  • Mindestens einmal jährlich, möglichst durch unabhängige Dienstleister (LKV, LWK in Anlehnung an die Wissenschaftliche Gesellschaft der Milcherzeugerberater eV WGM).
  • Regelmäßige Anlagenwartung durch eine ortsansässige Firma.

Zitzengummiwechsel:

  • Einhalten der Abstände für den Zitzengummiwechsel (Schwarze Zitzengummis nach 2.500 Melkungen, Silikongummis nach 5.000 Melkungen)

Tägliche Funktionskotrolle:

  • Einhalten von Vakuumhöhe, Pulsator-Takt und vorgegebenem Abnahmezeitpunkt.
  • Auch am AMS ist täglich die Funktion zu kontrollieren und das Vorhandensein von Verbrauchsmaterial wie z.B. Peressigsäure.

Pflicht zur Antibiotika-Minimierung

Seit 2021 ist die vorbeugende Anwendung von Antibiotika nicht mehr zulässig. Dazu gehört der routinemäßige Einsatz antibiotischer Trockensteller-Präparate (also auch bei eutergesunden Kühen). Sprechen Sie mit Ihrem Tierarzt oder Ihrer Tierärztin über „Selektives Trockenstellen“!

Die weltweite Zunahme von Bakterienstämmen mit Resistenzen gegen Antibiotika ist gegenwärtig eines der größten Risiken für die Gesundheit des Menschen. Wirksamste Gegenmaßnahme ist die Begrenzung des Einsatzes der antimikrobiell wirksamen Stoffe in Human- und Veterinärmedizin. Da diese Medikamente bei vielen Erkrankungen unverzichtbar sind, muss deren Einsatz auf die therapeutische Anwendung bei strenger Indikationsstellung begrenzt werden. 

Beim Milchrind wird die größte Menge an Antibiotika über Euterinjektoren verabreicht, und hier ist die Anwendung zum Trockenstellen am bedeutsamsten. Daher ist „selektives Trockenstellen“ zwingend. Dabei ist zwischen Kühen zu unterscheiden, die von einer antibiotischen Therapie zum Trockenstellen profitieren (z.B. wegen einer vorliegenden subklinischen Infektion mit Mastitiserregern) und Kühen, bei denen das nicht der Fall ist (eutergesunde Kühe).Wie?

Wie?

Zentrale Frage ist, welche Tiere behandlungswürdig sind und welche durch interne Zitzenversiegler vor Neuinfektionen geschützt werden sollten. Entscheidend dafür ist, ob die Kuh zum Trockenstellen ein erhöhtes Risiko aufweist, in der Trockenperiode an einer Mastitis zu erkranken. 

Als behandlungswürdig gelten:

  • Kühe mit persistierenden chronischen Euterinfektionen, insbesondere mit kuhassoziierten Erregern (Galt, S. aureus, S. canis u.a.), erkennbar durch bakteriologische Untersuchung von Milchproben.
  • Kühe mit Entzündungsreaktionen im Euter, erkennbar an erhöhten Zellzahlen oder positiven Mastitis-Schnelltest vor dem Trockenstellen.
  • Kühe mit erhöhtem Infektionsrisiko, erkennbar an erhöhten Zellzahlen oder Euterentzündungen im Verlauf der Laktation.

Für die Bewertung der Untersuchungen existieren verschiedene Empfehlungen mit Entscheidungsbäumen/Algorithmen:

Behandlungswürdige Tiere sollten zum Trockenstellen vom Tierarzt eine antibiotische Therapie verordnet bekommen.

Bitte beachten: Gesunde Kühe erhalten zum Trockenstellen interne Zitzenversiegler, aber keine Antibiotika!

Jedes der Verfahren benötigt zur Umsetzung qualifizierte Mitarbeitende im Stall, die entsprechend geschult werden müssen! Mehr hierzu auf der Ebene vertiefendes Wissen Tier.

Vorteile

Kosteneinsparung:

  • Je nach Stand der Eutergesundheit in der Herde kann ein erheblicher Anteil der Kühe ohne Einsatz antibiotischer Präparate trockengestellt werden, im Thüringer MastiSelekt-Projekt waren das 56 %.

Weniger Resistenzen:

  • Durch den spürbar verringerten Einsatz an Antibiotika wird das Risiko für Resistenzentwicklungen im eigenen Tierbestand verringert. Es kann sogar dazu führen, dass bereits etablierte resistente Stämme wieder verschwinden.
  • Zudem werden den gesellschaftlichen Erwartungen an eine Reduktion des Antibiotikaeinsatzes in der Tierhaltung Rechnung getragen.

Geringeres Risiko für Hemmstoffnachweise:

  • Bei den zum Trockenstellen eingesetzten Antibiotika handelt es sich um Langzeitformulierungen mit Wartezeiten von 5-8 Wochen! In bestimmten Situationen (z.B. frühere Geburt als erwartet oder Leber-Stoffwechselstörung der Kuh) können die Antibiotika nicht vollständig abgebaut sein und noch Hemmstoff in der Milch nachweisbar sein.

Geringeres Risiko für Überschreiten der Kennzahl 2:

  • In Deutschland verpflichtet das Tierarzneimittelgesetz (TAMG) auch Milchviehhalter zur Erfassung, Bewertung und Reduzierung des Antibiotikum-Einsatzes.
  • Ein Überschreiten von Kennzahl 2 (d.h. die Einsatzmenge im Betrieb liegt im Bereich der oberen 25 % der Branche) zwingt zum Erstellen von Maßnahmeplänen und kann, insbesondere bei mehrmaligem Überschreiten, auch weitere Konsequenzen nach sich ziehen.
  • Bei 100 % antibiotischem Trockenstellen ist die Überschreitung von Kennzahl 2 sehr wahrscheinlich.

Vorschläge zur besseren Umsetzung

Zellzahlen:

  • Bei der Bewertung der Zellzahlen aus der Milchleistungsprüfung sollten Sie Folgendes im Blick haben:
    • Zellzahl-Mittelwert in der aktuellen Laktation 
      • ≤ 100.000 / ml -> wünschenswertes Ergebnis
      • 100.000 – 250.000 / ml -> geringradig Risiko
      • > 250.000 / ml -> erhöhtes Risiko
    • Zellzahl in den letzten 3 MLP vor Trockenstellen
      • immer ≤ 200.000 / ml -> wünschenswertes Ergebnis
      • > 200.000 / ml -> erhöhtes Risiko
    • Zellzahl aktuelle Laktation
      • 3 x in Folge > 700.000 / ml -> erhöhtes Risiko für chronische Euterinfektion, tierärztliche Beratung
  • Wenn verfügbar, sollte die Bewertung der differenzierten Zellzahl (DSCC) und die daraus abgeleitete „Eutergesundheitsklasse“ in die Entscheidung einfließen, wobei ein DSCC-Wert > 65 % bzw. die Eutergesundheitsklassen B und C für die Anwendung von Antibiotika sprechen.

Euterentzündungen:

  • Es ist wichtig, dass Euterentzündungen im Verlauf der Laktation gut dokumentiert werden, auch wenn sie nicht mit Antibiotika oder anderen Medikamenten mit Wartezeit behandelt wurden.
  • Je mehr klinische Mastitiden in der Laktation und je dichter diese am Trockenstellzeitpunkt vorkamen, desto eher sollten Antibiotika eingesetzt werden.
  • Der Mastitis-Schnelltest (Schalmtest, California-Mastitis-Test) kann unmittelbar am Tag des Trockenstellens durchgeführt werden und liefert aktuelle Informationen zum Eutergesundheitsstatus. Antibiotika sollten in Betracht gezogen werden, wenn positive Reaktionen über die Stufe 1 hinausgehen.
  • Mit der bakteriologischen Untersuchung können verdeckte Euterinfektionen ohne erhöhte Zellzahl identifiziert werden (v.a. Staphylokokkus aureus und Galt), die während der kritischen Phase des erhöhten Euterinnendrucks (vermindertes Abwehrvermögen!) in den ersten Tagen nach dem Trockenstellen klinische Erkrankungen auslösen können. Das Risiko, verdeckte Euterinfektionen zu übersehen, kann minimiert werden, wenn eine sauber entnommene Milchprobe jedes Viertels etwa eine Woche vor dem Trockenstelltermin entnommen und in ein geeignetes Labor eingesendet wird.

Entscheidungen bei Stallumbau oder -neubau oder bei Einbau eines neuen Melksystems

Hochbox oder Tiefliegebox?

Wenn Kühe die Wahl haben, würden sie eine Tiefliegebox wählen. Die Tiefliegebox (Tiefbox) setzt aber voraus, dass der Betrieb über genügend Stroh guter Qualität verfügt. Alterative Einstreumaterialien sind Späne, Sand und Güllefeststoffe (siehe unten).

In einigen Betrieben gibt es pragmatische Gründe, die zu der Entscheidung für eine weniger tiergerechte Hochbox führen. Bei entsprechender Auswahl der Matten mit einem ausreichend hohen Liegekomfort (Wasserbetten oder weiche Komfortmatten) ist diese dennoch vertretbar. Manchmal (bei entsprechender Bewirtschaftung) kann sie eutergesundheitlich sogar zu besseren Ergebnissen führen, weil die Hochbox im Ablagebereich des Euters täglich einfacher (maschinell) abgekehrt und mit einer dünnen Strohmehl-Kalk-Schicht bestreut werden kann, als eine Tiefliegebox täglich planiert und eingestreut werden kann.

Die Planung der zukünftigen Bewirtschaftung von Liegeboxen muss in die Entscheidung zur Liegebox genauso mit eingehen, wie die Verfügbarkeit des Einstreumaterials und die Baukosten.

Beispiel für eine gut gepflegte Hochbox
Quelle: RGD Thüringen

Welche Einstreu?

Stroheinstreu:

  • Stroheinstreu setzt die Verfügbarkeit von Stroh guter Qualität voraus. Das bedeutet, dass das Stroh unter Dach oder zumindest unter Vlies gelagert wird. Die Vorratslagerung im Kopfbereich der Liegeboxen wird nicht empfohlen, da hier durch Speichel und die Ausatemluft der Kühe das Material befeuchtet wird, das dann später in Richtung des Euters gezogen wird.
  • Bitte beachten: Freilandgelagertes, feucht gewordenes Stroh ist ein ideales Umwelthabitat für Sc. uberis und bedeutet bei jeder Neueinstreu das Aufbringen einer stark keimbelasteten Deckschicht!
  • Stroh-Einstreu setzt darüber hinaus eine Kompatibilität mit dem Entmistungssystem voraus. Nur wenn es gelingt, eine stabile Strohmatratze aufzubauen, kann verhindert werden, dass aus der Box verbrachtes Stroh zum Verstopfen der Kanal- und Leitungssysteme bei der Güllelagerung und -verbringung führen. Deswegen muss man den Aufbau einer stabilen Matratze beherrschen und darf zum täglichen Bettenmachen nur eine dünne Deckschicht aus Strohmehl und Kalk aufbringen.
  • Bzgl. der Entsorgung unkritisch sind Strohliegeflächen sonst nur bei arbeitsintensiver Festmist-Entsorgung auf planbefestigten Laufgängen, die täglich maschinell abgeschoben werden, was aber einerseits arbeitsintensiv ist und andererseits Kühe bei Stroh auf den Laufgängen dann auch zum Liegen auf den Laufgängen animiert.

Holzspäne / Sägemehl:

  • Ein Befüllen der Tiefbox mit Holzspänen oder Sägemehl kann ebenfalls gewisse Risiken bergen. Feuchtes Ausgangsmaterial (nach Freilandlagerung) kann bereits initial mit Klebsiellen belastet sein.
  • Klebsiellen machen als sog. Coliforme Keime schwerste Mastitis-Verläufe mit einer hohen Mortalitätsrate. 
  • Zudem können Holzspäne und Sägemehl auch spitze, feste Rückstände enthalten, die zu Verletzungen der Haut/Euterhaut führen können.

Sand:

  • Sand gilt als hygienischstes aller Einstreumaterialien.
  • Der Austrag des Sandes durch die Tiere aus der Box kann mittelfristig zu Problemen mit der Güllebewirtschaftung führen (schwer zu behebende Versandungen im Güllekanal) und ist daher problematisch.

Güllefeststoffe:

  • Eine Einstreu mit Güllefeststoffen (sog. „Greenbedding“) ist aus Sicht des Tierkomforts, aus Sicht einer smarten innerbetrieblichen Kreislaufwirtschaft und damit auch aus ökonomischer Sicht auf den ersten Blick die ideale Alternative zu allen anderen Einstreumaterialien.
  • Beim „Greenbedding“ werden Gärreste oder Gülle aus der eigenen Biogasanlage oder dem eigenen Kuhstall durch Pressen angetrocknet, ggf. weiter trocken gelagert und in die Boxen ausgebracht.
  • Die Kühe in mit „Greenbedding“ eingestreuten Tiefliegeboxen sind, wenn der Stall gut belüftet ist und das Material in der Box trocken bleibt, oft sauberer als Kühe in Strohboxen.
  • Das Material bietet den Tieren einen hohen Liegekomfort und ist sehr hautfreundlich.
  • Die zentrale Aufgabe ist es allerdings, dass das Material auch eingestreut trocken bleibt. Dafür sind ein trockenes Klima und sehr gut belüftete / ventilierte Ställe notwendig. Dort wo das nicht gegeben ist und die Einstreurecht feucht ist, nehmen Euterinfektionen mit umweltassoziierten Erregern zu.
  • In den letzten Jahren hat sich außerdem der Verdacht erhärtet, dass „Greenbedding“ mit einer Zunahme von Klebsiellen-Mastitiden vergesellschaftet ist, die in klinischer Ausprägung sehr schwere Verläufe mit hoher Mortalität bedeuten. Stärkebetonte Hochleistungsrationen bedingen eine endogene Vermehrung dieser Klebsiellen im Verdauungstrakt der Rinder, die diese dadurch auch vermehrt mit dem Kot ausscheiden. Die erhöhte Klebsiellen-Ausscheidung bedingt eine Anreicherung der Problemkeime in der ausgepressten Gülle, ähnlich wie im Sägemehl, sodass das Euter in der Liegebox einem immer höheren und irgendwann nicht mehr beherrschbaren Klebsilellen-Infektionsdruck ausgesetzt wird.
  • Außerdem wird eine Einstreu mit Güllefeststoffen rechtlich sehr kontrovers diskutiert.
  • Bitte beachten: Eine Einstreu mit Güllefeststoffen kann trotz der bestehenden Vorteile letztendlich nicht empfohlen werden.

Welche Liegeboxenbegrenzung?

Elemente zur Begrenzung der Liegeboxen (Nackenrohr und seitliche Trennbügel) sollten so geplant und konstruiert werden, dass sie eine maschinelle Bearbeitung der Liegebox (Planierschild oder rotierender Besen) nicht behindern und bei Bedarf in gewissen Grenzen leicht verstellt werden können, um eine optimale, auf die tatsächliche mittlere Tiergröße abgestimmte Variabilität zu gewährleisten. 

Ziel ist die bequeme Nutzung der Liegebox (zügiges Betreten und Ablegen, ausreichend langes Liegen und ungestörtes Aufstehen) aber gleichzeitig auch das Verhindern des Abkotens und des Urinierens in die Liegebox. Die Tiere sollen also durch die Steuerungselemente die optimale Steh- und Liegeposition in der Box finden, ansonsten aber keine Berührungspunkte mit den Begrenzungen haben, um Technopathien zu verhindern.Sand:Güllefeststoffe:

Schlecht bemessene und schlecht angenommene Liegebox
Quelle: RGD Thüringen

Welche Gruppengröße?

  • Gruppengrößen sollten auch in sehr großen Betrieben aus ethologischer Sicht und aus Gründen einer Gruppenführung (Jungkuhgruppe, Euterselektionsgruppe) nicht zu groß werden.
  • Ziel sollten Gruppen mit maximal 100 Kühen sein.
  • Für gesundheitliche Belange (Abkalbebereich, Frischabkalber, Krankengruppe oder Euterselektionsgruppe) werden aber noch deutlich kleinere Untereinheiten benötigt.
  • Neben den bereits oben genannten TLV und TFV gilt es auch für eine ausreichende Anzahl sinnvoll positionierter Tränken zu sorgen (Anzahl Tränken = Anzahl Tiere in der Gruppe/20 + 1! Keine Sackgassenmontage, möglichst Zugänglichkeit von zwei Seiten) die gut bewirtschaftet werden (täglich).

Wechsel zu AMS:

  • Bei Wechsel der Melktechnik auf AMS sollte im Kontext erforderlich werdender „Spezialgruppen“ je nach Gesamtbetriebsgröße eine oder mehrere Einheiten mit maximal 60 Tieren je AMS eingeplant werden.
  • Gerade wenn es um die Einrichtung von konsequent geführten Jungkuhgruppen oder einer Euterselektionsgruppe geht, ist eine Einheit mit maximal 60 Kühen immer günstiger als Gruppen mit zwei AMS-Boxen je Gruppe und 120 Tieren! 
  • Sofern Kühe, die mit Euterinjektoren behandelt wurden, am AMS verbleiben und nicht separiert werden, sind diese auf 2x melken und einer Zwischenmelkzeit > 10 Stunden umzustellen, damit der Wirkstoff ausreichend lange im Euter verbleibt.  
  • Außerdem wird dringend empfohlen, den entkernten alten Melkstand ohne Technik zu erhalten und in das AMS-System so einzubinden, dass Euterbehandlungen inkl. Trockenstellen und das Entnehmen von Milchproben bestmöglich (aseptisches Vorgehen) in einer guten Arbeitshöhe und unter guten Lichtverhältnissen durchgeführt werden können!

Quellen

1 Tierseuchenkasse Sachsen-Anhalt & Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau Sachsen-Anhalt (2023), Orientierungsbereiche für Gehaltswerte von Mischrationen in der Milchkuhfütterung. https://llg.sachsen-anhalt.de/fileadmin/Bibliothek/Politik_und_Verwaltung/MLU/LLFG/Dokumente/03_service/veranstaltungen/fuetterungsberatung/Orientierungsbereiche_fuer_Gehaltswerte_von_Mischrationen_fuer_Milchkuehe_11_2023.pdf